Das Chira-Soria Projekt im Inselinneren von Gran Canaria gilt als Schlüsselbaustein für die Energiewende der Kanaren und verbindet ein modernes Pumpspeicherkraftwerk mit einer Meerwasserentsalzungsanlage. Reisende haben die Gelegenheit, eine spektakuläre Berglandschaft zu erleben, in der sich traditionelle Stauseen und zukunftsorientierte Energieinfrastruktur direkt begegnen.

Chira-Soria Projekt: Energie aus zwei Stauseen
Herzstück des Projekts Pumpspeicherkraftwerks Salto de Chira (CHB) ist ein reversibles Wasserkraftwerk zwischen den beiden Stauseen Chira (oberes Becken) und Soria (unteres Becken) in den Bergen im Südwesten der Insel. Über unterirdische Leitungen und eine Felskaverne wird Wasser zwischen beiden Becken bewegt, um Strom zu erzeugen oder Energie zu speichern.
Die installierte Leistung liegt bei rund 200 Megawatt, was etwa 36 Prozent der derzeitigen Spitzenlast Gran Canarias entspricht. Die genehmigte Speicherkapazität beträgt rund 3,2 bis 3,5 Gigawattstunden. Das reicht aus, um das Inselnetz für mehrere Stunden mit elektrischer Energie zu versorgen.



Das Projekt Salto de Chira wird von Red Eléctrica durchgeführt mit mit einem Kredit über 300 Mio. Euro von der Europäischen Investitionsbank (EIB) gefördert. Es wird mit einem investitionsvolumen von 400 Mio. Euro gerechnet.
Der Baubeginn des CHB war in 2022 und als Fertigstellung wurde 2026 anvisiert. Aufgrund von Verzögerungen wird dieser Termin jedoch voraussichtlich nicht haltbar sein. Im Januar 2026 waren am Stausee Soria noch viele Arbeiten nicht abgeschlossen und die Entsalzungsanlage bei Arguineguin war auch noch längst nicht fertig. Aber der Chira-Stausee führt erstmals wieder mehr Wasser.
Wie das Pumpspeicherkraftwerk erneuerbare Energie speichert
Die Funktionsweise ist physikalisch einfach: In Zeiten mit viel Wind- und Sonnenstrom wird Wasser aus dem unteren Stausee Soria in das rund 300m höher gelegene Becken Chira gepumpt. Dabei wird elektrische Energie in potenzielle Lageenergie des Wassers „gespeichert“.
Steigt die Stromnachfrage oder ist wenig Wind und Sonne verfügbar, fließt das Wasser wieder nach unten und treibt Turbinen an, die Generatoren mit Strom versorgen. Wie bei modernen Pumpspeicherkraftwerken üblich, liegt der Gesamtwirkungsgrad des Systems im Bereich von etwa 70 bis 80 Prozent, sodass ein Großteil der eingesetzten Energie erneut nutzbar wird.
Zur Einordnung: Ein Kubikmeter Wasser (1.000 Liter), der aus einer Höhe von 300 Metern herabfließt, kann theoretisch ca. 0,82 kWh Strom produzieren. Unter realen Bedingungen kann man von ca. 0,7 kWh pro Kubikmeter ausgehen:
Vorteil von Pumpspeicherkraftwerken ist, dass sie Gegensatz zu Batteriespeichern auf mehr oder minder kritische Chemikalien verzichten. Außerdem ist diese Form von Kraftwerken überaus lange haltbar. Es handelt sich hier um eine sehr langfristige Investition.
Beitrag des Chira-Soria Projekts zur Energiewende
Gran Canaria verfügt bereits über zahlreiche Windparks und Photovoltaikanlagen vorwiegend im Ostteil der Insel. Doch ihr Anteil ist durch Netzschwankungen und fehlende Speicher bisher begrenzt. Das Chira-Soria Projekt soll diese Situation ändern, indem es überschüssige erneuerbare Energie direkt aufnimmt und bei Bedarf wieder ins Netz einspeist.
Nach Berechnungen des Netzbetreibers kann die Anlage die erneuerbare Stromproduktion der Insel bis ab der Inbetriebnahme um etwa 37 Prozent steigern. Gleichzeitig soll der durchschnittliche Anteil der mit erneuerbaren Energien gedeckten Nachfrage auf rund 51 Prozent steigen, mit deutlich höheren Anteilen in einzelnen Stunden und die jährlichen CO₂-Emissionen um etwa 20 Prozent sinken.
Die Meerwasserentsalzungsanlage als Wasserquelle
Ein besonderes Element des Projekts ist eine Meerwasserentsalzungsanlage an der Südküste bei Arguineguín, die eng mit der Energieinfrastruktur verknüpft ist. Sie versorgt das System mit aufbereitetem Meerwasser, das über Pumpstationen und eine Leitungstrasse bergauf zu den Speicherseen transportiert wird.
Die Anlage arbeitet mit Umkehrosmose und besitzt eine tägliche Produktionskapazität von rund 7.800 Kubikmetern entsalztem Wasser. Damit stellt sie langfristig sicher, dass ausreichend Wasser für den Betrieb des Speichers zur Verfügung steht und kann perspektivisch auch zur regionalen Wassersicherheit beitragen. Bedingt durch hohe sommerliche Temperaturen muss mit einer nicht unerheblichen Verdunstungsrate der Seen gerechnet werden.
Umwelttechnik: Umgang mit Salzlake und Meer
Beim Entsalzungsprozess bleibt als Nebenprodukt stark konzentrierte Salzlake zurück, die nicht einfach ungefiltert ins Meer geleitet werden kann. Um die Umweltwirkungen an der Küste gering zu halten, wird die Salzlake bei Chira-Soria über zwei Unterwasserauslässe mit Venturi-Diffusoren in größerer Tiefe wieder eingeleitet.
Diese speziellen Düsen sorgen dafür, dass sich die Salzkonzentration schnell mit umgebendem Meerwasser vermischt und die Belastung für marine Organismen möglichst gering bleibt. Trotzdem bleibt die tatsächliche Auswirkung von Einleitstellen dieser Art abhängig von der späteren Betriebsweise und der regelmäßigen Überwachung der Wasserqualität. Wasserentsalzungsanlagen sind allerdings nicht neu für die Kanaren. Auch im Norden und Osten der Insel arbeiten bereits Entsalzungsanlagen und speisen das gewonnene Wasser in das Trinkwassernetz ein.
Vorteile für Inselstromnetz und Klima
Das Projekt soll mehrere zentrale Herausforderungen eines isolierten Inselnetzes adressieren.
- Höhere Versorgungssicherheit: Durch den Speicher kann das System besser auf Schwankungen reagieren und die Abhängigkeit von fossilen Kraftwerken und Brennstoffimporten verringern.
- Mehr erneuerbare Energie: Überschüsse aus Wind und Sonne müssen seltener abgeregelt werden, sondern können zwischengespeichert und bei Bedarf eingespeist werden.
- Weniger Emissionen und Kosten: Die Nutzung lokal erzeugter erneuerbarer Energie reduziert Brennstoffkosten und CO₂-Ausstoß und erhöht die energetische Unabhängigkeit der Inselgruppe.
Für Besucher Gran Canarias ist das Projekt ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie eine Urlaubsregion zugleich Energiewende‑Labor und Reiseziel sein kann.
Konflikte und Belastungen während der Bauphase
Trotz der langfristigen Vorteile ist das Vorhaben auf der Insel umstritten. Die Bauphase bedeutet für die betroffenen Täler und Dörfer unter anderem zusätzlichen Schwerlastverkehr, Lärm, Staub und Eingriffe in das Landschaftsbild.
Anwohner und Umweltverbände äußern Sorgen um die Veränderung traditioneller Wege, landschaftlicher Ruhe und landwirtschaftlich genutzter Flächen in der Umgebung der Seen und der Trassen. Die Bauarbeiten umfassen Tunnel, Leitungen, neue Anlagen an der Küste sowie Eingriffe im Bereich der Stauseen, sodass über mehrere Jahre mit erheblichen temporären Beeinträchtigungen zu rechnen ist.
Aktuell begegnen einem auf der malerischen, auch von Radfahrern gern genutzten schmalen Straße GC-505 von Arguineguin nach Soria häufig große Lkws die dann gerne plötzlich hinter einer engen Kurve auftauchen.



Planungsänderungen und Schutzmaßnahmen
Im Verlauf des Genehmigungsverfahrens wurden auf Basis von Umweltgutachten und öffentlicher Beteiligung Anpassungen am Projekt vorgenommen. Dazu gehören der verstärkte Einsatz unterirdischer Leitungen, die Bündelung von Trassen und eine möglichst konzentrierte Führung der Bauarbeiten auf bestimmte Korridore, um sensible Zonen zu schonen.
Vorgesehen sind außerdem Maßnahmen gegen Erosion, Staubemissionen und Lärmbelastung, etwa durch zeitliche Beschränkungen bestimmter Arbeiten und Rekultivierung betroffener Flächen. Wie gut diese Vorkehrungen im Alltag greifen, wird sich jedoch erst während der laufenden Bauphase und nach Inbetriebnahme zeigen, weshalb Bürgerinitiativen die Umsetzung kritisch begleiten.
Chira-Soria vor Ort erleben
Für Reisende, die Gran Canaria abseits der Strände entdecken möchten, ist die Region um die Stauseen schon heute ein beliebtes Wandergebiet. Rund um den Soria‑Stausee und den höher gelegenen Stausee Chira führen gut begehbare Wege durch eine karge, bergige Landschaft mit weiten Ausblicken über das Inselinnere.
Im Zuge des Projekts ist zudem geplant, entlang der neuen Wasserleitung im Barranco de Arguineguín einen rund 14 Kilometer langen Weg über ein Aquädukt anzulegen, der Technik und Naturerlebnis verbindet. Damit könnte das Projekt in Zukunft auch zu einem zusätzlichen Anlaufpunkt für technikaffine Wanderer und Interessierte an erneuerbaren Energien werden.
Die GC-505 ist nur bis kurz hinter Soria befahrbar, danach ist die zur GC-605 und dem Stausee Presa de las Ninas führende Straße für Fahrzeuge gesperrt. Aber es gibt reichlich Parkfläche als Ausgangspunkt für Wanderer. Hier gibt es bei Regen auch einen kleinen Wasserfall, der den Stausee füllt. Wer weiter zur GC-605 fahren möchte, kann dies über eine sehr schmale Strecke mit wirklich schlechter Fahrbahnoberfläche tun. Dieser Weg geht in Barranquillo Andrés ab und ist für Radfahrer gesperrt. Man sollte berücksichtigen, dass die GC-605 bei Regen teilweise gesperrt ist.
Den höher gelegenen Chira-Stausee erreicht man über die schmale GC-604, die von der GC-60 zwischen San Bartolomé und Tejeda abgeht. Man kann auch über Maspalomas und El Tablero anfahren. Aber diese Strecke enthält eine gut 10km lange Offroad-Passage, die nicht für klassische Mietwagen und Fahrräder geeignet ist.
Kleiner Tipp für Hungrige: Im kleinen Restaurant Casa Fernando Soria in der Nähe der Staumauer gibt es eine kleine Speisekarte mit hervorragenden Gerichten zu fairen Preisen und sehr freundlichem Personal. Hier trifft man auf Radfahrer und Bauarbeiter, die hier ihre Mittagspause verbringen. Und die wissen durchaus warum sie das machen…
Weitere Daten zum Kraftwerk (engl.)